Intendant der Burghofbühne Dinslaken stellt sich Schülerfragen

Montag dieser Woche besuchte der Intendant des Landestheaters im Kreis Wesel, Mirko Schombert, das Gymnasium Mariengarden, um mit ca. 60 Schülerinnen und Schülern der Oberstufe über die Vorstellung von Goethes „Faust I“ am 16. November 2016 im Vennehof Borken zu sprechen. Die von der Burghofbühne Dinslaken inszenierte Tragödie wurde vor allem von Oberstufenschülern, so auch von der gesamten Oberstufe des Gymnasiums Mariengarden, besucht. Die Bühne gebar etliche überraschende, Goethes „Faust I“ bestenfalls nachempfundene Szenen. So arbeitete sich das Ensemble unter Federführung des Regisseurs Matthias Frontheim in einer Weise daran ab, dass zu viele Zuschauer dem Theaterabend zu wenig Erhellendes abgewinnen konnten. Das Resultat: mehr Frust als Lust.

Beispielsweise irritierte die Unterschiedslosigkeit, mit der der von Faust beschworene Erdgeist, an den der Geist des Universalgelehrten nicht heranzureichen vermag, ebenso nackt und blutverschmiert dargestellt wurde, wie die in ihrer Küche das Verjüngungselixier zusammenbrauende Hexe. Dass dann auch noch Gretchens nackter Körper im Kerker mit immer mehr roter Farbe eingeschmiert wurde, bediente lediglich den optischen Sinn, und ein gewisses Mitleid mit der hervorragenden Schauspielerin Charlotte Will, aber längst keinen roten Faden. Und während etwa das ausufernde ballermännische Treiben der Studenten in „Auerbachs Keller“ in den Augen der meisten Zuschauer sich zu sehr in die Länge zog, wurden andere für das größere Verständnis des vielschichtigen Dramas entscheidende Szenen wie z.B. die Walpurgisnacht, in der Faust und Mephisto nach der folgenschweren Verführung Gretchens und der Ermordung ihres Bruders Valentin ohne jede Skrupel in die Welt der Magie flüchten, ignoriert. Schuld, Verantwortung, Verdrängung, Wirklichkeitsflucht, mediale Verführbarkeit, Verjüngungs- und Allmachtsfantasien, diesen Themen, die nicht nur fürs Abitur 2017, sondern bis heute für uns Menschen von zentraler Bedeutung sind, schien kein Platz im Blickfeld des Regisseurs eingeräumt worden zu sein.

Doch Schüler auf dem Weg zum Abitur wollen, wenn sie schon Goethe lesen sollen, tatsächlich etwas von dessen Werk verstehen. Und das stellt sowohl angesichts des ungewohnten sprachlichen Ausdrucks als auch der inhaltlichen Komplexität der Lektüre eine immer größer werdende Herausforderung dar.           Ein lebendiger Vollzug der Sprechhandlung auf der Bühne des Vennehofs hätte den aufgeschlossenen jungen Köpfen hierbei durchaus eine Verstehenshilfe anbieten können, ohne auf eigene Deutungsakzente verzichten zu müssen. Und sollte ein Theaterstück nicht eigentlich auch ohne vorherige Lektüre im Großen und Ganzen verstanden werden können? Der in Sachen „Faust“ noch unbelesene Oberstufenjahrgang der Einführungsphase (Klasse 10) konnte der Handlung kaum bis nicht folgen. Da nützte auch die überraschende Dauererhellung nichts; das Saallicht wurde während der gesamten Vorstellung angelassen, und die Darsteller sprachen teilweise aus dem Publikum heraus. Durch diesen Effekt sollten sich die Zuschauer in ein Wandertheater des 16. Jahrhunderts zurückversetzt fühlen und damit den Quellen des Goetheschen „Faust“ näherrücken, was sich aber störenderweise als Quelle der Unruhe entpuppte.

Im Gespräch mit den Schülern ging der Intendant auf deren Kritik ein. Dabei räumte er ein, dass es sich bei der ursprünglich nicht für Schüler ersonnenen Inszenierung des Landestheaters um eine „sehr polarisierende Aufführung“ handle. Zudem versuchte er die Entscheidungen der Regie, die das junge Publikum meist als „problematisch“ empfand, zu erklären. So habe Frontheim den Fauststoff mit Bezug zur Aufführungspraxis in der Zeit Goethes inszenieren wollen; zu dieser Zeit seien beispielsweise Hexen immer nackt dargestellt worden. Andererseits habe man dem Stück auch etwas Modernes abgewinnen wollen. Deshalb seien zum Beispiel auch Protagonisten, die, wie in der Vorstellung geschehen, mit Smartphones Selfies machen oder um sich spucken, „akzeptabel“. Schüler dagegen empfinden dergleichen eher als Anbiederung an ihresgleichen und selten als respektabel.                                                                                                                    Ein weiteres die Schüler bewegendes Gesprächsthema galt der Frage, ob eine solche Inszenierung im Hinblick auf das zukünftige Abitur, das im Fach Deutsch Goethes „Faust I“ als Pflichtlektüre voraussetzt, hilfreich sei. Schombert konnte während der hierzu hitzigeren Diskussion immerhin deutlich machen, dass es bei diesen Aufführungen eben gar nicht hauptsächlich darum gehe, Schülern den Inhalt von Goethes Werk zu vermitteln oder zu dessen Verständnis beizutragen. Den Schulen sei man immerhin mit dem Angebot, Materialmappen zur Verfügung zu stellen oder theaterpädagogische Unterstützung zu leisten, entgegengekommen. In erster Linie zählten jedoch ausschließlich Deutungen und diese spiegelten letztlich nichts anderes als subjektive Meinungen. Punktum. Eine andere, die redliche Auseinandersetzung mit den Inhalten des Werks einfordernde Meinung ist hier offenbar nicht gefragt. Doch gibt es da nicht immer ETWAS, ohne DAS es nichts zu deuten gäbe? Darauf und auf die Chance, sich diesem stofflichen Gehalt in stetiger geistiger Auseinandersetzung zumindest anzunähern, spekulieren aufgeschlossene, noch recht vorurteilsfreie junge Menschen. Im Idealfall kommen – aller sogenannten „Postfaktizität“ zum Trotz – Abiturprüfungen diesem besonders um Wahrhaftigkeit ringenden Bedürfnis entgegen.

Dennoch hatten das Landestheater NRW und die Kulturgemeinde der Stadt Borken die der Deutungsbeliebigkeit geschuldete Vorstellung als „abiturrelevant“ anpreisend beworben, was die Schule zur Buchung der Vorstellung für 250 Schüler verleitete und im Nachhinein den meisten Schülern und Lehrern zumindest fragwürdig erscheint. Zu guter Letzt ließ aber wenigstens der Besuch des engagierten Intendanten, der sich offensichtlich sehr über die Diskussionsbereitschaft der Schülerinnen und Schüler freute, diese hinter die Kulissen und durch mehr als nur ihre eigene Brille schauen. Sie bedankten sich kritisch applaudierend für die aufschlussreiche und von Verspannungen erlösende Debatte: „Wer immer strebend sich bemüht …“ (Goethe, „Faust II“).

Von Raphael Martin, Sarah Büscher, Gabriele Heuveldop – Borken-Burlo, den 21.12.2016

 

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