Haltlose Prosa

Drei der insgesamt zwölf Preisträger des sich auf den gesamten deutschsprachigen Raum erstreckenden Literatur-Wettbewerbs  HALTlosePROSA steuerten am Ende  eines dreitägigen Prosa-Workshops am vergangenen Freitag das Forum Mariengarden in Borken-Burlo an. Hier spitzten rund  180 Oberstufenschüler  zur zweiten Unterrichtsstunde  ihre Ohren, um Erlesenes aus der jeweiligen Feder der prämierten Nachwuchsautoren zu hören. Nach der Begrüßung durch den Schulleiter des Gymnasium Mariengarden, Herrn Brands, führte der durch sein Romandebüt  „Bestattung eines Hundes“ 2008 namhaft gewordene Schriftsteller Thomas Pletzinger („Gentlemen, wir leben am Abgrund“, 2012) durch die Lesung. Der Moderator, der u.a. eine Gastprofessur an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg bekleidet, hatte  Paula Fürstenberg aus Berlin (24 Jahre), Artur Krutsch aus Dortmund (24 Jahre) und Thekla Stobbe aus Rödermark (19 Jahre) im Ascheberger Workshop betreut.  Artur Krutsch  eröffnete  die Lesung mit einem Prosatext, dessen außergewöhnlicher Ich-Erzähler, ein streunender Hund, sich dem Menschen näher fühlt als der eigenen Gattung und mit seinem gesunden Hundeverstand nach dem Suizid Gabrieles gleichermaßen verwundert wie melancholisch feststellt: „Die Menschen sind dumm und machen mich traurig. Hast du jemals einen Hund gesehen, der sich umgebracht hat, eine Hündin vielleicht?“ „Nein“, antwortet sein kleinerer Artgenosse. „Ich auch nicht“, bestätigt die erzählende Hundeseele, deren Bellen oder Knurren nur im inneren Ohr des empfänglichen Zuhörers wahrnehmbar wird. Wechsel am Vorleserpult: „Ich komme mir vor wie auf dem Mond, von dem aus ich den Untergang der Welt betrachte.“ Auf der Schwelle zum Surrealen balancierend verstand es Thekla Stobbe, ihre Hörer in den Bann einer fiktiven Klassenfahrt zu ziehen.  Im Vergleich zu den reflexionsstarken Dialogen der Mitschüler muteten die Betrachtungen der Ich-Erzählerin in Paula Fürstenbergs Prosa-Projekt „Baden im Schaufenster“ zunächst regelrecht naturalistisch an, wenn der Blick der auf dem WC sitzenden Tochter die von dem Kaiserschnitt herrührende Narbe ihrer im Bad weilenden Mutter fixiert. Dass die Schaumbadende ihre Tochter  subtil zu einem Studium bewegen möchte, während die die mütterliche Taktik bis ins Kleinste durchschauende Alleinerzogene eine Ausbildung zur Straßenbahnfahrerin in einer anderen Stadt anstrebt, verweist auf eine weitere,  bevorstehende Abnabelung. „Ich bin die einzige Narbe am Körper meiner Mutter.“  Dieser leichtfüßig daherkommende Satz grub sich am Ende der Lesung mit der Macht seiner Deutungsherausforderung – stolze Genugtuung oder fragwürdige Identifikation oder … ? –  ein in das Gedächtnis einer Hörerschaft, die auf keinen Fall genug hatte, deren Neugierde auf den Fortgang des noch zu Erzählenden hellwach geworden ist. So signalisierte der leidenschaftliche Applaus und der musikalisch-träumerische Beitrag der aus China kommenden Austauschschülerin Lucy Yang am Piano neben dem Respekt vor der dichterischen Leistung der jungen Autoren den Wunsch nach Vollendung und Veröffentlichung der poetischen Texte. Bleibt zu hoffen auf Verlage, deren Prosa in naher Zukunft haltlos herausfordert, bleibt zu wünschen, dass die Veranstalter des Wettbewerbs HALTlosePROSA, Ascheberg Marketing E.V. und die GWK, Münster , diesem weitere folgen lassen. Als der Tradition würdig hat er sich schon jetzt erwiesen.

Bilder von der Autorenleseung findet ihr auf unserem flickr – Account hier.

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